Das Plus am Effizienzhaus Plus

Interview mit Karla Müller von der Informationsstelle Effizienzhaus Plus.

Effizienzhaus Plus in Berlin

Effizienzhaus Plus in Berlin
Foto: ©ZEBAU

Ein neues Wohnhaus nach den momentan gültigen Mindestanforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) ist Pflicht. Doch Technik und Planer lassen bereits heute weit mehr zu.  Bauherren die sich fürs energiesparende Eigenheim entscheiden, haben dabei die Qual der Wahl. Ob Niedrigenergiehaus, Passivhaus, Effizienzhaus oder “neuerdings” auch ein Effizienzhaus Plus. Letztere werden seit 2012 im Praxistest erforscht und erprobt. Über 35 Modellvorhaben mit unterschiedlichsten Planungs- und Baukonzepten wurden konzipiert, verbessert, weiterentwickelt und praxistauglich gemacht. Die KfW-Förderbank notiert die Entscheidung für den Bau eines KfW-Effizienzhaus 40 Plus seit April mit einem satten Tilgungszuschuss  von 15.000 Euro als Energiesparerbonus. Wir haben bei der Informationsstelle Effizienzhaus Plus nachgefragt, womit die neue Generation der Eigenheime bei Bauherren punkten kann.

Ein Effizienzhaus Plus – was genau heißt das?
Karla Müller von der Informations- stelle Effizienzhaus Plus

Karla Müller von der Informations- stelle Effizienzhaus Plus

K.M. Ein Effizienzhaus Plus ist ein Gebäude das über das Jahr gesehen mehr Energie produziert als es selbst benötigt. Der Nachweis erfolgt nach Berechnung nach der Energieeinsparverordnung (EnEV). Der Effizienzhaus Plus Ansatz wird erfüllt, wenn sowohl ein negativer Jahres-Primärenergiebedarf als auch ein negativer Jahres-Endenergiebedarf vorliegen. Dabei sind auch die End- und Primärenergiebedarfswerte für den Nutzerstrom zu berücksichtigen. Der Strombedarf für Wohnungsbeleuchtung, Haushaltsgeräte- und prozesse darf den Endenergiebedarf von 20 kWh/m2a nicht überschreiten. Zusätzlich ist das Verhältnis von selbstgenutzter zu generierter erneuerbarer Energie innerhalb der Grundstücksgrenze auszuweisen. Für das energetische Monitoring sind alle Gebäude durchgängig mit intelligenten Zählern auszustatten.

Was sind die Vorteile eines Effizienzhaus Plus im Vergleich zum „Null-acht-fünfzehn-Haus“?

K.M. Die Bewohner benötigen zum einen  auf Grund sehr gute Wärmedämmung, der Gebäudetechnik und der effizienten Haushaltsgeräte wenig Energie. Zum anderen beziehen sie ihre Energie von Erneuerbaren Energien und haben z.T. auch Stromspeicher , was sie unabhängiger von steigenden Energiepreisen macht.

Und selbst zur Energie- und Wärmewende leisten Effizienzhaus-Plus-Häuser mit der Entlastung der Stromnetze einen wichtigen Beitrag und sind so den „normalen“ Wohnhäusern einen wichtigen Schritt voraus. Damit der selbst produzierte Strom auch zum größten Teil direkt in den Häusern genutzt wird, verfügen die Gebäude über eingebaute Stromspeicher und/oder ein Stromlastmanagement. So wird durch jedes einzelne und in Summe der wachsenden Vielzahl von Effizienzhaus-Plus-Häusern, weder im Sommer zu viel PV-Strom ins Netz eingespeist, noch im Winter zu viel Strom für die häufig verbauten Wärmepumpen nachgefragt.

Haben Sie einen Überblick, wie viele neu gebaute Effizienzhäuser Plus es in Deutschland neben den 35 Modellprojekten bereits gibt?

K.M. Sicherlich kennen wir nicht jedes Plusenergiegebäude in Deutschland, leider. Dafür sind es mittlerweile einfach zu viele in ganz Deutschland.

Das Modellhaus in Berlin wurde wissenschaftlich im Rahmen einer Forschungsinitiative begleitet. Gab es Sachen, die in der Praxis nicht so wie eigentlich geplant und gewünscht, funktioniert haben bzw. sogar besser abschnitten als gedacht?
Effizienzhaus Plus in Berlin Charlottenburg

Das wohl bekannteste Effizienzhaus Plus in Berlin Charlottenburg Foto ©ZEBAU

K.M. Nach der ersten Testphase mussten zwei Maßnahmen zur Optimierung ergriffen werden. Zum einen wurde die ungeregelte Luft-Wasser-Wärmepumpe durch eine modulierende ersetzt. Der Umbau und das etwas milde Klima im Winter 2014/2015 senkten den Energieverbrauch um 35 Prozent. Außerdem wurde eine Glas-Trennwand zwischen Wohnbereich und Flur eingesetzt. Dadurch wurde die übermäßige Überhitzung in den Sommermonaten in der 1. Etage vermieden. Mit diesen Maßnahmen war die Energiebilanz der zweiten Testfamilie noch besser als die der ersten.

Grundsätzlich gilt für jedes Bauvorhaben, dass immer etwas schief gehen kann. Die Modellvorhaben im Netzwerk haben sehr unterschiedliche Technikkonzepte, die erprobt werden sollten. Bei einigen wurden während des Monitorings Veränderungen an der Technik oder einzelnen Komponenten vorgenommen um die Gesamteffizienz zu verbessern.

Es ist sehr hilfreich und sinnvoll nach der Inbetriebnahme der Haustechnik zu prüfen ob die Realität auch tatsächlich mit den Berechnungen der Planung übereinstimmt und ggf. zu handeln.
Modernste Heizung, automatische Lüftung, „ferngesteuerte“ Beleuchtung und Vernetzung aller Haushaltsgeräte … Muss man ein Technikfreak sein, um in einem Effizienzhaus Plus wohnen zu können?

K.M. Begleitend zum wissenschaftlich-technischen Monitoring gibt es auch ein sozialwissenschaftliches Monitoring, das vom Berliner Sozialforschungsinstitut durchgeführt wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es notwendig ist, Häuser und vor allem die Haustechnik so robust zu gestalten, dass die Bewohner diese intuitiv richtig bedienen. Dafür darf die Haustechnik nicht zu kompliziert sein und eine vorherige Einweisung oder ein Handbuch für die Bewohner ist wichtig.

Im Idealfall merken die Bewohner gar nichts davon, dass sie in einem Effizienzhaus Plus wohnen und die Bedienung erfolgt intuitiv. Übrigens gibt es etliche Häuser im Netzwerk Effizienzhaus Plus, die kein Smart Home sondern in dem Sinne ganz „normale“ Häuser sind.
Für die Technik im Haus wird der Strom über die eigene Photovoltaikanlage erzeugt. Was passiert bei bedecktem Himmel oder in der dunklen Jahreszeit?

K.M. Da die Effizienzhäuser Plus alle an das öffentliche Stromnetz angeschlossen sind, beziehen sie zu Zeiten mit wenig bis gar keinem Sonnenertrag, also hauptsächlich während den Wintermonaten, ihren benötigten Strom aus dem Netz. Einige Gebäude wie z.B. das Haus in Burghausen oder in Münnerstadt haben eine Hausbatterie, somit kann der selbstproduzierte Strom über einige Tage gespeichert werden.

Wie sieht es mit der Gebäudehülle aus?

K.M. Alle Modellvorhaben sind überwiegend baulich kompakt und energetisch optimiert. Der auf die wärmeübertragenden Umfassungsflächen bezogene Transmissionswärmeverlust unterschreitet die Mindestanforderungen der aktuellen EnEV um 18 bis 62 Prozent (im Mittel 48 Prozent). Der Wärmeschutz ist so vergleichsweise zwar deutlich besser als von der Energieeinsparverordnung (EnEV) gefordert, allerdings häufig nicht ganz so hoch wie bei Passivhäusern. Wichtig ist die Minimierung der Wärmebrücken. Je größer die Gebäude werden, desto wichtiger wird die Effizienz der Haustechnik, da der zusätzliche Platz für eigenerzeugte Energie begrenzt ist.


 Auch das ist ein Effizienzhaus Plus!

Auch das ist ein Effizienzhaus Plus! Solar Plus Haus Bremen Foto : © Architype Bremen

Auch das ist ein Effizienzhaus Plus! Solar Plus Haus Bremen
Foto : © Architype Bremen

Das Effizienzhaus Plus mitten in Berlin ist wohl das bekannteste Modellvorhaben, doch beispielsweise auch das “Solar Plus Haus” in Bremen erfüllt den KfW-Effizienzhaus 40-Standard und ist ein Effizienzhaus Plus. Auch diesesHaus zeigt: Energieefiizienz schließt andere Bau- und Planungsschwerpunkte des Bauherren nicht aus – ganz im Gegenteil. Um seine Renovierungsarbeiten und somit Folgekosten für die Zukunft gering zu halten, war dem Bauherrn nicht nur der kompakten Entwurf sondern auch die Materialauswahl wichtig: Vornehmlich pflegeleichte Materialien mit langer Lebensdauer kamen so zum Einsatz.

Für einen hervorragenden Wärmeschutz werden die Transmissionswärmeverluste des Gebäudes durch die geringen U-Werte der Gebäudehülle sowie eine wärmebrückenreduzierte Konstruktion minimiert. Energie wird hier bereits unter der Bodenplatte gespart. “Unterhalb der Bodenplatte wurde eine 20 cm starke extrudierte Extruderschaumplatte eingesetzt, seitlich der Frostschürzen und Streifenfundamente befinden sich 14 cm XPS-Dämmung. Der U-Wert der Bodenkonstruktion liegt bei 0,15 W/(m²K).”, so der Bericht im Rahmen der Begleitforschung des Projekts.
Zum Vergleich: Die EnEV fordert 0,35 W/(m²K) und weniger.
Welcher Aufbau und welche Materialien für Wand, Fenster und Dach zum Einsatz kamen, kann man der folgenden Tabelle entnehmen. Bei der Material- und Konstruktionsvielfalt an einem Haus, kann man nur erahnen, was dahinter steckt, so ein Haus zu planen und zu bauen. Die Planer, Bauherren und Handwerksfirmen haben mit den unterschiedlichen Modellprojekten mit ihren verschiedenen Ansatzpunkten und Schwerpunkten quasi Pionierarbeit geleistet. Von dem was sich bewährt hat, können zukünftige Bauherren nun profitieren.
Fraunhofer

BMUB Begleitforschungsprojekt: Effizienzhaus Plus Steckbrief 16 – Effizienzhaus Plus Bremen

 

Bauherren legen ihr Augenmerk bei Hausbau oder Kauf in erster Linie auf die erstmal zu stemmenden Baukosten. In welche „Bausteine“ muss ich erst einmal mehr investieren?

K.M. Die Haustechnik in einem Effizienzhaus Plus ist häufig aufwendiger und dadurch teurer als in einem „Null-acht-fünfzehn-Haus“. Es gibt allerdings ein Netzwerkprojekt in Lüneburg, in dem der Bauherr mit dem Einsatz von einer sehr minimalistischen Gebäudetechnik auch geschafft hat, das Plus an Energie zu erzeugen. Die Mehrzahl der Gebäude im Effizienzhaus Plus Netzwerk sind vom Dämmstandard her KfW 40 oder KfW 55 Gebäude, wofür es Fördergelder von der KfW gibt.

Welchen wichtigen Tipp geben Sie Bauherren, die sich für ein Effizienzhaus Plus entscheiden möchten?

K.M. Ein(e) gute(e) EnergieberaterIN oder PlanerIN ist sehr empfehlenswert. Am besten jemand der schon einige Projekte im Bereich des energieeffizienten Bauens realisiert hat. Bei größeren Projekten ist ein eingespieltes Planungsteam, welches von Projektbeginn zusammen arbeitet, von großer Bedeutung. Die Gebäudekonzeption und die technische Ausstattung müssen gut abgestimmt und Hand in Hand geplant werden, bei der Kombination der verschiedenen Gebäudetechnologien ist Erfahrung aus anderen Projekten oftmals sehr hilfreich.

Wo kann man sich als zukünftiger Bauherr am besten zum Effizienzhaus Plus informieren? Etwa welche Planungsstandards es gibt und wie man einen versierten Planer oder ein qualifiziertes Bauunternehmen findet.
K.M. Zu Beginn eines Bauvorhabens ist es wichtig, sich über den Raumbedarf, seine eigenen Wünsche und auch den gewünschten Energiestandard Gedanken zu machen. Selbstverständlich schwingt hier auch die Frage nach möglichen Fördergeldern mit. Aber auch eine Betrachtung der Betriebskosten über mehrere Jahre hinweg darf im Vorfeld nicht zu kurz kommen.

K.M. Am besten informiert man sich bei der Netzwerkstelle Effizienzhaus Plus oder einem der Projektpartner aus dem Netzwerk Effizienzhaus Plus, da diese bereits ein Haus gebaut haben. Alternativ kann man sich an Energieagenturen, Klimaschutzmanager oder Verbraucherzentralen in den verschiedenen Bundesländern wenden, wo in den unterschiedlichen Regionen geeignete Architekten und Energieberater (mit Erfahrungen im effizienten Bauen und Sanieren) zu finden sind.

Mehr zum Thema Effizienzhaus Plus

Energieeffizienz_Plus
www.forschungsinitiative.de/effizienzhaus-plus

zum Weiterlesen:
Broschüre Wege zum Effizienzhaus Plus

Modellprojekte

Planer / Energieberater finden

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