Dämmstoffe. Sondermüll oder Klimaretter?

wie dämmenDie im Jahr 2016 novellierte Abfallverordnung stuft organische Dämmstoffe, die das Flammschutzmittel HBCD enthalten, als gefährlichen Abfall ein.

Zwar betrifft das nur Dämmplatten, die nach August 2015 produziert wurden, die neuen Platten sind somit kein ‚gefährlicher Abfall‘. Aber was bedeutet das für die vor diesem Zeitraum gedämmten Häuser?

Drohen uns jetzt Berge von Sondermüll durch Sanierung oder Abriss, wie uns manche Berichterstattungen glauben machen wollen? Die Wirtschaftswoche titelte beispielsweise „Brandgefahr und bergeweise Sondermüll“ Was ist dran? Und was bedeutet das für den Hausbesitzer oder Bewohner eines gedämmten Hauses?

Damit organische Dämmstoffe als „schwer entflammbar“ eingestuft werden konnten, wurde ihnen bei der Produktion das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan HBCD beigemischt. Heute weiß man, HBCD reichert sich in der Natur und in Organismen an und steht im Verdacht, die Fortpflanzungsfähigkeit zu schädigen. Seit August 2015 ist es weltweit verboten: Die Hersteller HBCD-haltiger Dämmstoffe haben ihre Produktion umgestellt.

Was bedeutet das nun für Bewohner bereits gedämmter Häuser?

HBCD gilt nach Aussagen des Umweltbundesamts nicht als akut toxisch. Zudem ist das HBCD in die Polymerstruktur der Dämmplatten fest eingebunden und kann somit nicht herausgewaschen werden oder ausdünsten.

Das Umweltbundesamt schreibt in einem aktuellen Hintergrund-Dossier zu HBCD (Februar 2014): „Wer in einem Haus mit HBCD-haltigen Dämmplatten wohnt, muss nach heutigem Kenntnisstand bei fachgerechter Anwendung keine negativen Effekte auf seine Gesundheit befürchten.“ Außerdem unterschreiten die Platten die maßgeblichen Grenzwerte für Gesundheitsschädlichkeit. Auch durch die Entsorgung kommt es laut der Hintergrund-Broschüre des Bundesamtes zu keiner Belastung für Mensch und Umwelt: „Die HBCD-haltigen Dämmstoffe werden verbrannt und dabei zur Wärmeerzeugung genutzt. Dabei wird das HBCD zerstört.“

Und was bedeutet das für die Entsorgung bereits verbauter Dämmplatten oder von Wärmedämmverbundsystemen aus EPS, die HBCD enthalten?

Bisher konnte eine Wärmedämmung aus Polystyrol nach Abriss als Kunststoffabfall oder gemischter Bauabfall entsorgt werden. Künftig müssen diese gesondert in Müllverbrennungsanlagen gebracht werden. Das HBCD soll dort derart entsorgt werden, dass es nicht mehr in den Wirtschafts- und Umweltkreislauf geraten kann. Dafür müssen Polystyrolplatten, die in der Fassade verbaut wurden, vom restlichen Bauschutt getrennt werden, was eine gewisse Herausforderung ist. Bei anderen Dämmstoffen, wie zum Beispiel Extruderschaum (XPS) stellt dies kein Problem dar. Die überwiegend unter der Bodenplatte oder auf Flach- und Gründächern eingesetzten Platten sind lose verlegt und müssen nicht aufwändig vom Bauschutt getrennt und daher auch nicht als „gemischter Abfall“ deponiert werden. Folglich wurde XPS in herkömmlichen Hausmüllanlagen rückstandslos verbrannt und zur Energiegewinnung genutzt. Im Falle des Extruderschaums ändert sich also lediglich die Dokumentationspflicht für die Entsorgung. Im Grunde wurde hier bereits schon immer so verfahren, wie es die Novellierung der Abfallordnung nun verlangt.

 „Viel Lärm um nichts?“

Nicht ganz, denn die Entsorgungslogistik verbauter EPS-Platten ist immer noch in der Optimierungsphase. Von Dämmstoff-Müllbergen wie einige Medien glauben machen wollen, sind wir jedoch weit entfernt. Man braucht sich dazu nur zu verdeutlichen, dass das Abfallaufkommen aus EPS-Dämmstoffen im Baubereich von WDVS aktuell nur 0,2 Prozent der gesamten Bau-Abbruchabfälle ausmacht. Dieser Anteil ist also ziemlich unbedeutend.

Bei XPS ist der Anteil noch geringer, der Dämmstoff kommt gezielt bei Bodenplatte und Flachdach zum Einsatz. Zwar baut heute kein vernünftiger Bauherr, ohne seine Bodenplatte zu dämmen aber diese hält dann auch ein Hausleben lang. Bei einer Flachdachdämmung wird die Lebensdauer mit ca. 40 Jahren beziffert. Genau diese Lebensdauer im Verhältnis zu den eingesparten CO2-Emissionen macht die positive Ökobilanz der XPS-Dämmung aus. Zudem bestehen die Platten zu 98 Prozent aus Luft.

Im 21. Jahrhundert kommen wir gar nicht umhin, CO2-bewusst zu bauen und Ressourcen zu schonen.

Warum in den Medien so skandalisiert wird, kann sich jeder selber beantworten. Wer glaubt, die Energiewende sei alleine mit erneuerbaren Energien zu schaffen, unterschätzt den Bedarf und überschätzt die Möglichkeiten. Will man energiesparend bauen, hilft ein guter Wärmeschutz dabei, die Heizenergie von vornherein gering zu halten. Allein mit Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen kommt man in Problembereichen wie an erdberührenden Bauteilen, der Bodenplatte oder auf dem Flachdach nicht weiter.

Eine hocheffiziente Heizung und Solarzellen auf dem Dach oder eine mit Naturdämmstoffen gedämmte Fassade, Bauherren und Planer können individuell entscheiden. Wenn es ums Einsparen von Energie und CO2-Emissionen geht, hat sich nicht nur die Haustechnik weiter entwickelt. Bessere Dämmwerte, unbedenkliche Flammschutzmittel und neue Bauweisen ermöglichen den Einsatz von weniger Material mit langer Lebensdauer. Das ist allerdings nicht so sensationsreich wie hoch aufgetürmte Müllberge.

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4 Kommentare zu “Dämmstoffe. Sondermüll oder Klimaretter?

  1. Sehr gut geschriebener Artikel der die gesamte Problematik, aber auch die Vorteile einer Wärmedämmung übersichtlich darstellt.

  2. Ich habe mich neulich mit einem Freund über die Dämmstoffe unterhalten. Im Prinzip sind die Dämmstoffe für die Lärm- und/oder Wärmedämmung gedacht und bestehen aus den verschiedensten Materialien. Beispielsweise benutzt man auch Zeitung als Dämmstoff, welches aber brennbar wäre.

  3. Soweit kann ich meinen Vorrednern zustimmen. Allerdings hat der Redakteur den Dämmstoff Glasschaumschotter nicht erwähnt. Dieser wird aus 100 % Altglas hergestellt und eignet sich hervorragend zum dämmen von Bodenplatten und als Plattenware auch auf dem Dach. Nicht brennbar, recylebar, innert. Erhältlich mit allen Nachweisen, Zertifikaten und Zulassungen, sowie hunderten von Referenzen.

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