Greenfell-Tower: Was ist wirklich passiert

Kann das in Deutschland auch passieren?

Der Hochhausbrand im Greenfell-Tower in London wurde von den Deutschen Medien kurzer Hand auf den Dämmstoff Polystyrol geschoben, obwohl dieser gar nicht verbaut wurde.

Greenfell-Tower entfacht Brandschutzdiskussion auch in Deutschland

Foto: Peter Freitag_pixelio.de

Egal, Anlass genug das Dämmen, umweltbewusstes Bauen und die gesetzlichen Energieeffizienzanforderungen an Gebäude in Frage zu stellen oder gleich komplett über den Haufen zu werfen. Eigentlich nichts neues, dafür allerdings gänzlich an den Haaren herbeigezogen. Wer Inhalte und Fakten suchte, konnte sich sämtliche Medienberichte sparen und getrost im Garten sitzen bleiben und das machen, was jeder vernünftige Mensch tut. Auf die Untersuchungsergebnisse der Brandursachen warten, die derzeit in London anhand von allen, dazu notwendigen Hintergrundinformationen rekonstruiert werden. Die hinterlüftete Fassadenkonstruktion, die in Hochhäusern typische Brandausbreitung über Lüftungs- und Wartungsschächte und gefährlichem Brandüberschlag aus den Fenstern – dazu womöglich leckende Gasleitungen im Haus, hier kam tragischer Weise vieles zusammen.

Eins vorne weg: Ob Einfamilienhaus oder Hochhaus – in Deutschland werden die Standsicherheit und der Brandschutz von Gebäuden groß geschrieben, größer als vieles andere. Dazu zählt auch die Energieeffizienz, die immer wieder auf Fassadendämmung reduziert wird. Dabei tragen energieeffiziente Technik auf Basis Erneuerbarer Energien, Gründächer und auch die immer erforderliche Bodenplatte allesamt einen erheblichen Teil zur Energieeffizienz von Gebäuden bei. Der Brandschutz ist für Bauherren, ausführende Firmen, Architekten, Ingenieure, Fachplaner, Feuerwehr und nicht zuletzt die Bauaufsicht jederzeit allgegenwärtig. Denn Brandschutz steht von der Planung, über den Baugenehmigungsprozess, die Ausführung bis hin zur Abnahme immer wieder und erneut auf dem Prüfstand.

Werner Eicke-Henning schaut genau hin

Werner Eicke-Hennig analysiert den Brand am Greenfell-Tower anhand von Fotos und Filmen

Werner Eicke-Hennig, hält sich an die Fakten

Zurück zum Greenfell Tower: Werner Eicke-Hennig, vielen von der Hessischen Energiesparaktion bekannt, rät im Fall des Londoner Hochhausbrands, nicht vorschnell zu urteilen. Der Experte des Energieinstituts Hessen, hat sich Filme und Fotos genauer angeschaut und sieht quasi auf den ersten Blick, was Sensationsjournalismus nicht sehen (will). Im Beitrag Grenfell Tower: Dämmplatten haben den Brand nicht beschleunigt des Fachmagazins „Der Gebäudeenergieberater“ nimmt Eicke-Henning Stellung und bezieht sich als erster auf belegbare und sichtbare Tatsachen.

Erstens: Der Dämmstoff Polystyrol wurde dort an der Fassade gar nicht eingesetzt. Zweitens: Die am Greenfell Tower verbauten Dämmplatten aus Polyurethan-Hartschaum (PU) „haben den Brand nicht „beschleunigt“, wie es nun überall heißt, sondern sich als einer der wenigen Fassadenbaustoffe erwiesen, die sich am Brand kaum beteiligten.“

„Manche Platten sind vom Brand unberührt, man sieht noch ihre gelbe Farbe. An vielen anderen hat die Hitze eine typische Waffelstruktur auf der Oberfläche erzeugt. In eine solche Platte hat die Feuerwehr zwei Löcher geschabt. Im Foto auf www.tagesschau.de sehen wir: Die Platten sind nur an der Oberfläche 3 bis 5 mm durch die Hitze etwas aufgelöst und rußgeschwärzt. Die gesamte übrige Plattendicke (6 bis 8 cm) ist unzerstört geblieben, weil die gute Dämmwirkung des Polyurethans eine Weiterleitung der Hitze in die Platte hinein unterbindet.“ Diese PU-Sorte ist deshalb sogar als Brandriegel in WDVS-Systemen zugelassen.

Er kommt zum einzigen, logischen Schluss:
„Diesen komplexen inneren und äußeren Brandablauf kann man nicht auf den Fassadendämmstoff reduzieren.“

Nicht der Dämmstoff, sondern der Fassadenaufbau rückt immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Nach Aussage der Londoner Polizei belegen Vorabergebnisse eines Sicherheitstests, dass Konstruktion und Ausführung der Fassadenbekleidung des Grenfell Towers aus brandschutztechnischer Sicht mangelhaft waren. Eine entscheidende Frage ist nun, ob die Fassadenkonstruktion in England überhaupt baurechtlich zulässig war. In Deutschland wäre so eine Fassade jedenfalls ab einer Gebäudehöhe von 7 m vollkommen unzulässig.

Hinterlüftete Fassade

Der Grenfell-Tower hatte eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade (VHF, im Englischen als „curtain wall facade“ oder „ventilated facade“, manchmal auch als „rainscreen cladding system“ bezeichnet). Unter VHF versteht man eine mehrschichtige Außenwandkonstruktion, die aus der Außenwandbekleidung (rain screen cladding), einer Unterkonstruktion und ggf. einer Wärmedämmschicht besteht. Hinter den Fassadenbekleidungsplatten, die zur Gestaltung und als Regenschutz dienen, befindet sich eine vertikale Luftschicht. Diese Hinterlüftungsebene kann sich im Brandfall durch einen Kamineffekt negativ auswirken und die Brandausbreitung begünstigen, wenn keine geeigneten Maßnahmen bei der Planung berücksichtigt werden.

Als Fassadenbekleidungsplatten wurden Verbundplatten mit einer Aluminium-Oberfläche verwendet. Die Platten zur Fassadenbekleidung werden ganz außen an der Fassade montiert und haben nichts mit der Wärmedämmung zu tun. Sie dienen ausschließlich als Wetter- und Regenschutz und bestimmen außerdem die Optik und das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes. Nach Informationen der IVPU sind die Aluminium-Kunststoff-Verbundplatten nicht nur im Fall des Greenfell Tower komplett verbrannt. Die Fassadenbekleidung war an spektakulären Hochhausbränden in der ganzen Welt beteiligt (übrigens überwiegend in Kombination mit nicht brennbarer Dämmung), und ist daher auch in einigen Ländern verboten.

Das Problem: Die Panikmache wirkt.

Nicht nur meine 70-jährige Schwiegermutter macht sich jetzt ernsthaft sorgen, dass ein Blitzeinschlag demnächst das Dach und das gesamte Zweifamilienhaus lichterloh in Flammen setzen wird. Wegen der Dämmung! Da beruhigen auch keine Fakten der erhöhten, deutschen Brandschutzanforderungen an Wohngebäude, an alle Baumaterialien und deren fachgerechten Einbau. Was einmal in den Medien so aufgebauscht wird, bleibt auch in den Köpfen – egal ob w-ahr oder falsch.

Ist so ein Hochhausbrand in Deutschland möglich?

„70 Menschen mussten nun wegen mangelnden Brandschutzes ein Hochhaus in Wuppertal räumen“ berichtet Spiegel-online (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/wuppertal-evakuierung-von-hochhaus-loest-debatte-um-brandschutz-aus-a-1154886.html). Das elfstöckige Gebäude sei wegen mangelnder Brandschutzvorrichtungen unbewohnbar, so eine Stadtsprecherin gegenüber dem Magazin. Seit 2010 sind die massiven Mängel bekannt, die längst fällige Sanierung blieb wegen ständiger Eigentümerwechsel auf der Strecke. „Nach dem verheerenden Großbrand am Londoner Greenfell Tower habe das Bauordnungsamt entschieden, alle 70 Gebäude in Wuppertal, die höher als 22 Meter sind, zu überprüfen.“ Die Vorgeschichte und die längst bekannten Mängel lassen in diesem Fall die Frage aufkommen, warum nicht vorher eingegriffen wurde. Denn es gibt Bauvorschriften und spezielle Brandschutzvorschriften für Hochhäuser, die einzuhalten sind.

In einem Fact Sheet (http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Bauwesen/brandschutz_nach_london_fact_sheet_bf.pdf) hat das BUMB Antworten und Fakten auf die nun oft und allerorts gestellten Fragen zusammengestellt. In Deutschland müssen aufgrund bestehender Brandschutzvorschriften, nach dem Bauordnungsrecht der Länder, hohe Sicherheitsstandards eingehalten werden. Für Hochhäuser gilt die so genannte “Musterhochhausrichtlinie”, die Anforderungen an Bauteile, Rettungswege und sicherheitstechnische Anforderungen definiert.

Um Brandausbreitungen speziell an hinterlüfteten Fassaden zu verhindern, wurde in Deutschland schon vor 10 Jahren eine Richtlinie mit entsprechenden Regelungen eingeführt. Bis zu einer bestimmten Gebäudehöhe werden hier z.B. horizontale Brandsperren gefordert, die das Überspringen von Feuer in darüber liegende Geschosse verhindern. Bei Neubauten sind in Deutschland im Rahmen der Aufstellung des Brandschutzkonzepts außerdem weitere Maßnahmen festzulegen, z.B. zu Brandmeldeanlagen, Sprinklern, Feuerwehraufzügen und voneinander unabhängigen Sicherheitstreppenhäusern.

Die Rechtslage ist also klar, doch wichtig ist, dass sich auch alle daran halten. Vorschriften und Anforderungen im Brandschutz müssen von Hauseigentümern und von den am Bau Beteiligten eingehalten und im Gebäudebestand auch nachgehalten werden. Bei Einhaltung der entsprechenden Anforderungen ist nach einhelliger Expertenmeinung eine solche Brandkatastrophe wie in London bei uns ausgeschlossen.

Ein Kommentar zu “Greenfell-Tower: Was ist wirklich passiert

  1. Danke für die unabhängige Aufklärung zum Thema Brandschutz und Wärmedämmung / Energieeffizienz.
    Wenn ich das lese wird mir wieder bewusst, dass nicht nur verschiedene Medien, sondern auch Politiker Kommentare von sich geben die jeglicher Grundlage entbehren.
    Es ist sicher einfacher Medienberichte zu wiederholen als wirkliche Probleme in der Landwirtschaft (zu viel Gift und Gülle auf den Feldern), Lebensmittelindustrie (Probleme in Großmetzgereien, Großbäckereien, sowie fehlende Lebensmittelampel für gesündere Lebensmittel), Autoindustrie (Dieselskandal), etc. anzupacken.
    Ich möchte nicht falsch verstanden werden, die Ursachen dieses tragischen Ereignisses sollten gefunden werden und zur Vermeidung künftiger Brandfälle führen, aber besonnen und fachlich fundiert. Dieser Apell sollte an Politik und Medien gerichtet werden.

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