Wo im Gebäude steckt eigentlich die Nachhaltigkeit?

Experten aus verschiedenen Bereichen erläuterten am Beispiel des Scandic Hotels am Potsdamer Platz, was ein nachhaltiges Bauwerk ausmacht.

Wie bewertet man die Nachhaltigkeit von Gebäuden? Welchen Einfluss haben die einzelnen Bauprodukte für die Nachhaltigkeit eines Gebäudes? Wie können Baustoffhersteller mit Ihren Produkten und Informationen daran mitwirken? Und was macht ein nachhaltiges Hotelgebäude aus?

Scandic Berlin Potsdamer Platz, front view, exterior view, facade

Scandic Berlin Potsdamer Platz, front view, exterior view, facade

Wie ein Gebäude nicht nur nachhaltig geplant und gebaut, sondern auch betrieben wird, konnte kann man am Beispiel des DGNB-zertifizierten Berliner Scandic Hotel Potsdamer Platz sehen. Die Zertifizierung des Hotels war Teil der Pilotphase für die Erstellung von Nutzungsprofilen für Hotels. Dabei erreichte das Projekt das beste Bewertungsergebnis innerhalb der Pilotprojekte und erhielt insgesamt die zweithöchste Auszeichnungskategorie der DGNB. „Es ist ein Paradebeispiel für ein nachhaltiges Gebäude – vor allem in der Nutzung“, fasst DNGB-Auditor Mark Kumar Bose zusammen.

Grundlage für fundierte Bewertung…

… und ihre Bedeutung für das nachhaltige Bauen – speziell als Datengrundlage für die Gebäudeplanung, -bewertung und -zertifizierung.

Mit ihren EPDs (englisch: Environmental Product Declarations – kurz: EPDs) engagieren sich die Mitglieder des IBU dafür, dass die Informationen über die Umweltwirkungen ihrer Produkte für das nachhaltige Bauen genutzt werden. Dazu betreibt das Institut für Bauen und Umwelt (IBU) ein EPD-Programm für Bauprodukte und -komponenten in Deutschland und Europa. Die enthaltenen Informationen in einer EPD basieren auf einer Ökobilanz und werden erst nach erfolgreicher Verifizierung durch unabhängige Dritte vom IBU veröffentlicht. „Wie nachhaltig Bauprodukte sind, hängt vor allem davon ab, wofür sie im Gebäudekontext verwendet werden“, erklärt Dr.-Ing. Burkhart Lehmann (Institut Bauen und Umwelt e.V.). „Zusammen mit anderen Produkten bilden sie ein System, unterliegen Wechselwirkungen, müssen verschiedene Anforderungen erfüllen – deshalb sind Bewertungen und Vergleiche von Bauprodukten auch erst auf Gebäude- oder Bauteilebene sinnvoll.“ Dementsprechend findet die Nachhaltigkeitsbewertung auf Gebäudeebene statt.

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) betreibt ein Gebäudezertifizierungssystem, das neben der Ökologie eines Gebäudes auch die ökonomische, technische, soziokulturelle und funktionale Qualität, den Standort sowie die Prozessqualität bei Planung und Bauausführung bewertet.

Die Auswahl der richtigen Produkte ist dabei entscheidend. Das gilt vor allem für die technische Gebäudeausrüstung (TGA), die während der Nutzungsphase des Gebäudes großen Einfluss auf die ökologische Performance hat. Das richtige Klimatisierungssystem kann die Energiebilanz eines Gebäudes enorm verbessern. „EPDs für TGA-Produkte können wesentlich dazu beitragen, diesen Einfluss zu erfassen und zu reduzieren“, sagte Lehmann. Leider seien EPDs für TGA-Produkte aber längst noch nicht der Regelfall.

Eine Frage der Haltung

Als DGNB-Auditor war Mark Kumar Bose für die Bewertung des Hotels zuständig. Für die Berechnung der Umweltwirkungen eines Gebäudes sind umfangreiche Informationen notwendig – vor allem über die verwendeten Bauprodukte. „Ich bin froh, dass es EPDs gibt. Sie eignen sich hervorragend, um verifizierte ökobilanzielle Daten zu bekommen“, berichtet Bose. Außerdem seien sie über Datenbanken wie die ÖKOBAUDAT des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit jederzeit verfügbar. Das macht EPDs zu einer wichtigen und verlässlichen Datengrundlage für die Lebenszyklusanalyse des Gebäudes – und auch für die Planung:

Johannes Kreißig, DGNB-Geschäftsführer:
„Berechnungen im Nachhinein nützen der Nachhaltigkeit nicht besonders viel. Beim DGNB-System rücken wir deshalb die Planungs- und Bauprozesse stärker in den Fokus.“ Vorzertifikate und Abgabefristen würden deshalb in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. Für uns ist nachhaltiges Bauen und Betreiben viel mehr als ein Kriterienkatalog. Es ist eine Haltung.“

Scandic Berlin Potsdamer Platz, Bedroom, double room, room, summer

Scandic Berlin Potsdamer Platz, Bedroom, double room, room, summer

In diesem Zusammenhang erklärt Heiko Kain vom Scandic Hotel an diversen Beispielen, wie das Hotel betrieben wird und welche Rolle die Nachhaltigkeit dabei spielt. „Wir machen unter anderem sehr viel, um Wasser und Energie zu sparen. Wir arbeiten so papierlos, wie wir können und verzichten vollständig auf Einzelverpackungen, zum Beispiel für Seife und Shampoo. Wir lassen uns auch kein abgefülltes Wasser liefern, sondern filtern das Berliner Leitungswasser, setzen Mineralien zu und füllen es in Karaffen. Und wir arbeiten mit Fernwärme und -kälte.“

Einige Konzepte seien aber auch nicht immer die komfortabelsten: Um Energie zu sparen, lassen sich die Räume im Hotel maximal um acht Grad unter die Außentemperatur herunterkühlen. Um Temperatur und Raumklima dennoch so angenehm wie möglich zu halten, lassen sich die Fenster der Hotelzimmer öffnen und sind außerdem mit einer speziellen Folie beklebt, die das Aufheizen der Räume durch Sonneneinstrahlung verlangsamt. „An besonders heißen Tagen reicht das für manche Gäste allerdings nicht aus und dazu müssen wir dann auch stehen. Bisher haben wir aber fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Fast alle Gäste, die unser Konzept kennen lernen, tragen es mit und unterstützen uns.“

Kein teures Extra, sondern neuer Standard

Hans Dieter Reichel, verantwortlicher Architekt für den Hotel-Neubau:
„Die meisten Leute glauben, dass nachhaltig zu bauen teurer ist. Aber erstens stimmt das so pauschal nicht und zweitens steigert eine Zertifizierung – gerade in finanzieller Hinsicht – den Wert einer Immobilie oft enorm.“

Denn Nachhaltigkeitszertifikate seien häufig Alleinstellungsmerkmale, eigneten sich hervorragend für das Marketing und seien für viele Unternehmensgruppen mittlerweile ein entscheidendes Kriterium bei der Auswahl von Immobilien. Zertifizierte Gebäude ließen sich somit deutlich besser vermieten und verkaufen. Auch Bose sieht in dem Thema mehr als einen Trend: „Der Nachhaltigkeitsgedanke sorgt für eine tiefgreifende Veränderung in unserer Gesellschaft und Wirtschaft.“

Dass ein nachhaltig geplantes, gebautes und betriebenes Gebäude keineswegs teurer sein muss, bestätigt auch Marcel Gröpler, Green Building-Koordinator bei der Lindner Group. „Nachhaltigkeit darf kein Extra sein, für das jemand draufzahlt, sondern muss zum Standard werden. Wir produzieren deshalb all unsere Produkte grundsätzlich so nachhaltig, wie wir können.“ Das sei auch ein wesentlicher Grund dafür gewesen, dass Linder als Generalunternehmer mit dem Innenausbau des Hotels beauftragt wurde.

Johannes Kreißig (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V.):
„Wir sind erst am Ziel, wenn man sich rechtfertigen muss, warum man etwas nicht nachhaltig gebaut hat.“

Weitere vom DGNB zertifizierte Hotels: www.dgnb-system.de/de/projekte/

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